Home zurück "Kulturraum zwischen Elbe und Oder"
Edition
von Quellen
aus dem
17. und 18.
Jahrhundert

Europa verdankt seinen kulturellen Reichtum der Vielfalt seiner Regionen. Gerade in der Mitte Europas prägten historische Landschaften mehr noch als der spät entstandene Nationalstaat die kulturelle Entwicklung.

Die auf das äußerste getriebene Kleinstaaterei im 17. und 18. Jahrhundert wie zum Beispiel in Thüringen mußte Handel und Verkehr wohl zur Fessel werden. Dem nach Anstellung suchenden Künstler boten sich jedoch hier, wo mit Tagesmärschen drei Residenzen erreichbar waren, reiche Entfaltungsmöglichkeiten. Bedürfnis und Zwang der Hofhaltungen zu einer Repräsentation, die die Dürftigkeit mancher Verhältnisse zu überspielen hatte, bildeten für künstlerische Hervorbringungen einen fruchtbaren Boden. So konnte das geflügelte Wort "Thuringia cantat" entstehen.

Stellvertretend für die nördlichere Kulturregion hieß es oft "Pomerania non cantat". Die Geltung dieses Diktums wird traditionell auf den hier in Rede stehenden Raum ausgedehnt. Ihre natürlichen Grenzen findet diese Region in Elbe und Oder. Historisch läßt sich der Raum als das Gebiet der mecklenburgischen Länder und Vorpommerns sowie Brandenburgs mit seinem Anteil an der Lausitz beschreiben. Die Oder bekam erst als Folge des Zweiten Weltkrieges eine Grenzfunktion. Wenn der Bezug zu Regionen wie der Neumark und Hinterpommern heute ein rein historischer geworden ist, sollte dies in der Gegenwart zu Brückenschlägen in der Mitte Europas ermutigen.

Möchte man die musikhistorische Eigenart dieser Region seit dem 17. Jahrhundert beschreiben, hat sich der Blick auf Institutionen, die der Entfaltung schöpferischer Kräfte förderlich waren, zu richten. Reiches Material für die Erforschung der höfischen Musiziersaphäre stehen für die Residenzen Berlin-Potsdam, Schwerin-Ludwigslust und im beschränkten Rahmen für Neustrelitz zur Verfügung. Zeugnisse bürgerlicher Musikpflege sind am reichsten für Berlin überliefert. Das Niveau der kirchenmusikalischen Arbeit läßt sich nur noch an wenigen herausragenden Beispielen wie Berlin und dem niederlausitzischen Luckau ablesen. Nur hin und wieder assoziiert man mit der Region "große Namen", die auch über diese hinaus ausstrahlten. Berlin als Durchgangsort prominenter Künstler nimmt immerhin noch eine bevorzugte Stellung ein. Dafür stehen folgende u.a. Namen: Carl Philipp Emanuel Bach, Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun, die Musikerfamilie Benda, Christoph Nichelmann, Johann Heinrich Rolle, Vincenzo Righini, Christoph Schaffrath, Johann Gottlieb Janitsch, Johann Friedrich Reichardt.

Ergänzt man die kompositorische Hinterlassenschaft jener um die Sammlungen, die in Kantoreien, Hofkapellen und durch Bürger zusammengetragen wurden, muß der Blick von der traditionellen Fixierung auf die künstlerische Eigenproduktion einer Region auf die Situation der Quellenüberlieferung gewendet werden. Der Raum zwischen Elbe und Oder erweist sich nun als eine Region, in der sich trotz der Verluste durch den Zweiten Weltkrieg eine erstaunliche Fülle wertvoller musikpraktisch und musikhistorisch relevanter Quellen erhalten hat.

Im Zentrum stehen die Bestände der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin. Seit etwa anderthalb Jahrhunderten ist durch die Kustoden der Musikabteilung eine Art Sammlung von Sammlungen entstanden, deren Provenienzen im Ganzen noch nicht hinreichend untersucht sind. Unabhängig davon lassen sich noch Repertoiresammlungen oder ihre Verzeichnisse von den oben beschriebenen Trägern der Musikkultur auffinden. Für Kantoreiarchive mag das Beispiel Luckau stehen, für Sammlungen städtischen oder fürstlichen Ursprungs die Bestände in Schwerin und Rostock. Frankfurt und Berlin als Herkunftsorte früher Musikdrucke sind noch zu wenig erforscht.

Eine Editionsreihe könnte in dieser Situation in die Gefahr geraten, in mehr oder minder zufälliger Folge allein unter dem Aspekt der Repertoirebereicherung ausgewählte Kompositionen ans Licht zu bringen. Deshalb erscheint es notwendig, der Publikation von musikalischen Quellen Forschungsarbeiten an die Seite zu stellen, die zu einer Bewertung der Quellen unter dem Aspekt ihrer Bedeutung für die Gattungsgeschichte, die regionale Musikgeschichte und ihres musizierpraktischen Wertes beitragen.

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