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Aus dem
Vorwort zur Partitur
Von
Gerhard Poppe
Lottis
außerordentlicher Ruhm als Komponist für Kirchenmusik hat
seine Wurzeln bereits im 18. Jahrhundert. Der englische Musikgelehrte
Charles Burney hörte 1770 von ihm in der venezianischen Kirche
San Giovanni e Paolo eine vierstimmig gesetzte Messe, von keinem
andern Instrumente, als der Orgel begleitet. Seit dieser Zeit
galt Lotti als herausragender Meister des a cappella-Stils, und Vertreter
kirchenmusikalischer Reformbewegungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert
feierten ihn als einen der größten Kirchenkomponisten
aller Zeiten (Vincenz Goller). Auf der Basis einer solchen Würdigung
erreichten einige von Lottis Werken im traditionellen stile antico eine
gewisse Verbreitung, während seine großangelegten Messen,
Messesätze und Psalmen im stile concertato erst in neuester Zeit
auf das Interesse von Musikern und Musikhistorikern stießen.
Ob Lotti während seines Aufenthaltes in der sächsischen Residenzstadt
eigene Werke für den Gebrauch in der Dresdner Hofkirche komponierte,
geht aus den erhaltenen Quellen nicht hervor. Als die vom sächsischen
Kurprinzen engagierte Operntruppe mit Lotti an der Spitze im Herbst
1717 in Dresden eintraf, waren die Sänger zunächst für
die Opernaufführungen zuständig, sangen aber zu besonderen
Gelegenheiten auch im katholischen Hofgottesdienst. Aus dem Musikalienbestand
der Dresdner Hofkirche sind vier Vesperpsalmen in Partituren eines unbekannten
italienischen Kopisten erhalten, die möglicherweise mit Lottis
Aufenthalt in der sächsischen Residenzstadt in Verbindung stehen.
Zu ihnen gehört das hier vorgelegte Dixit Dominus. Großangelegte
Kompositionen dieses Psalms mit einer Aufführungsdauer von einer
halben Stunde und länger scheinen aber im frühen 18. Jahrhundert
in Italien eine gewisse Verbreitung gefunden zu haben, wie vor allem
Händels bekanntes, 1707 in Rom entstandenes Werk zeigt, das grundsätzlich
demselben Typus folgt. Möglicherweise war Lottis Dixit Dominus
gemeinsam mit den anderen drei in Dresden überlieferten Psalmen
ursprünglich auch für eine Aufführung in Prag vorgesehen
gewesen, wo sich der Komponist während seiner zwei Jahre als Dresdner
Hofkapellmeister öfter aufhielt. So vermittelt die hier vorgelegte
Edition nicht nur ein ausgesprochen aufführenswertes Werk, sondern
kann gleichzeitig Anstöße zu weiteren Untersuchungen auf
einem von der musikhistorischen Forschung lange vernachlässigten
Feld geben.
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