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Aus dem
Vorwort zur Partitur
Von
Christoph Henzel
Johann Gottlieb Graun, Konzertmeister der Hofkapelle Friedrichs II.
von Preußen, schrieb mindestens 83 Solokonzerte, außerdem
Doppelkonzerte sowie einige Gruppenkonzerte mit Solovioline. Von
den Solokonzerten sind neun nur durch Katalogeinträge bekannt;
die Noten selbst sind verschollen. Die übrigen 74 Konzerte sind
ausschließlich in Abschriften überliefert. Leider kann nur
bei acht von ihnen die Zuschreibung an Johann Gottlieb Graun als völlig
gesichert gelten. Die meisten Handschriften stammen überwiegend
von Kopisten, die in keiner engeren Beziehung zum Komponisten gestanden
haben, oder sie tragen als Autorenangabe nur den Namen Graun.
Allerdings liegt die Annahme nahe, daß Werke für Solovioline
unter den Grauniana mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließlich
aus der Feder des Konzertmeisters Graun stammen.
Ebenso
diffizil wie die Frage der Autorschaft ist die nach der Datierung der
Konzerte. So ist das Violinkonzert c-Moll nur in Krakau in einer Partiturabschrift
aus der Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg überliefert (PL-Kj:
10 in: AmB 236). Die Handschrift stammt aus der Notensammlung der Prinzessin
Anna Amalia, der Schwester Friedrichs des Großen. Sie wurde von
einem Kopisten namens Schober angefertigt, vermutlich ein Hornist der
Berliner Hofkapelle, der von der Mitte der 1760er Jahre (nach dem Siebenjährigen
Krieg) bis zum Ende der 1780er Jahre aktiv war. Wahrscheinlich ist das
Konzert aber lange davor entstanden, denn es ist weitgehend der Konzertform
Antonio Vivaldis verpflichtet. Lediglich im Eröffnungssatz zeigt
sich der Einfluss der von Giuseppe Tartini in den 1730er Jahren entwickelten
und von Graun rezipierten Neuerungen (siehe das Violinkonzert a-Moll
GraunWV A:XIII:13). So hebt Graun hier ab T. 64 die sonst klare funktionale
Trennung von tonal stabilen Tutti-Ritornellen und modulierenden Solopassagen
zugunsten eines kleingliedrigen, flexiblen Wechselspiels auf. Die Rückkehr
zur Grundtonart erfolgt erst ab T. 81 inmitten einer Reprise der 2.
Soloepisode, welche in das Schlussritornell (T. 103ff.) mündet.
Charakteristisch für Grauns Konzerte sind die vergleichsweise umfangreichen,
motivisch vielfältigen Eröffnungsritornelle, in denen alle
relevanten melodischen Elemente des jeweiligen Satzes angelegt sind.
Lyrische Seitengedanken (in der Regel ohne Bass), dynamische Kontraste,
Echowirkungen sowie imitatorisch aufgelockerte Phasen sorgen für
einen gedanklichen Reichtum, welcher im weiteren Verlauf der Sätze
variiert und mit virtuosen Passagen durchsetzt wird.
Der mit knapp 250 Takten weitaus umfangreichste Satz des Konzerts ist
der Schlusssatz. Er ist mehr als doppelt so lang wie der kunstvoller
und gearbeiteter' gestaltete Eröffnungssatz. Dies zeugt von
Grauns Bemühung um eine Balance zwischen den Ecksätzen im
Zyklus. In dem tänzerischen Schlusssatz ist die klare Scheidung
zwischen Ritornellen und Episoden in Bezug auf Besetzung und Funktion
allerdings durchweg formal kontitutiv. Im Unterschied zur Komplexität
des letzten Drittels des Eröffnungssatzes sorgt hier die Reprise
der. 1. Soloepisode vor dem Schlussritornell für Fasslichkeit und
formale Abrundung.
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