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Aus dem
Vorwort zur Partitur
Von
Gerhard Poppe
Nachdem sich die äußeren Voraussetzungen für die katholische
Hofkirchenmusik in Dresden entscheidend verbessert hatten, erhielt der
Kontrabassist Jan Dismas Zelenka vom Kurprinzen Friedrich August und
der Kurprinzessin Maria Josepha 1722 den Auftrag zur Komposition der
Musik für die Gottesdienste der Karwoche. So entstanden die Lamentationes
Jeremiae Prophetae ZWV 54, die Responsorien ZWV 55, das Miserere d-Moll
ZWV 56 sowie das Benedictus ZWV 206.
Zelenka
stammte aus Launowitz (heute Lou´novice) in Böhmen; er hatte
seine Schulbildung wahrscheinlich am Prager Jesuitenkollegium Clementinum
erhalten und war 1710 Mitglied der sächsisch-polnischen Hofkapelle
geworden. Von 1716 bis 1719 studierte er bei J. J. Fux in Wien, nahm
aber nach seiner Rückkehr zunächst wieder seinen Platz als
Kontrabassist ein.
Die Werke für die Karwoche 1722 bildeten den ersten Kompositionsauftrag
des Hofes an Zelenka und standen am Beginn seiner mehr als zwei Jahrzehnte
dauernden Tätigkeit für die Dresdner Hofkirchenmusik. Zelenkas
Miserere d-Moll stellt auch das älteste erhaltene Werk dieser Gattung
im Dresdner Repertoire dar.
In
seiner Anlage bietet das Miserere d-Moll einige Besonderheiten. Mit
der ausgiebigen Verwendung der Oboen ist die Nähe zu den kurz zuvor
entstandenen Triosonaten ZWV 181 spürbar. Bemerkenswerter ist aber
die Anweisung zur Ausführung der zweiten Hälfte des vierten
Verses: questo versetto si pol cantare in due maniere, prima come
stà, seconda volta si pol cantare con il libro al riverscio.
Der vierstimmige Abschnitt et peccatum meum contra me est semper
ist also zunächst in der notierten Gestalt zu singen. Anschließend
soll das Notenblatt (natürlich in alten Schlüsseln) auf den
Kopf gestellt und der ganze Satz noch einmal rückwärts gesungen
werden, als wolle der Komponist unwiderruflich klarmachen: Man kann
es drehen und wenden, wie man will meine Sünde steht
immer gegen mich.
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