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Anmerkungen
<1>
Vgl.
Christoph Henzel,
„Zur Merseburger
Hofmusik unter Herzog
Moritz Wilhelm“, in:
Jahrbuch
Mitteldeutsche
Barockmusik 2004,
Beeskow 2005
(Dr. i. V.)
<2>
Vgl.
den Brief Pisendels
an Georg Philipp
Telemann aus dem Jahr
1750, in: Georg Philipp
Telemann.
Briefwechsel, hg. v. H.
Grosse und H. R. Jung,
Leipzig 1972, S. 352-
356, hier S. 354: „der
ConcertM.r hat etliche
Monath /: länger aber
nicht :/ von M.r Tartini
profitirt [...].“ Tartini
befand sich von 1723
bis 1726 in Prag.
<3>
Vgl.
Gregory Butler,
„Johann Sebastian
Bach und Johann
Gottlieb Graun“, in:
Über Leben, Kunst und
Kunstwerke: Aspekte
musikalischer
Biographie. Johann
Sebastian Bach im
Zentrum, hg. v. Chr.
Wolff, Leipzig 1999
S. 186-193.
<4>
Vgl.
dazu den
Bericht des
braunschweigischen
Botschafters über das
Konzert vom 27. Mai
1728: „[...] von denen
beyden Virtuosen soll
aber vor das mahl der
Merseburgsche Capell-
Meister Graun vor dem
Italiäner Locotelli (sic)
approbation gefunden
haben, und wolle die
Königin ihn auch
daher zu ihrem Hof
Musicum machen.“ Zit.
in: Pietro Antonio
Locatelli. Catalogo
tematico, lettere,
documenti e
iconografia, hg. v. A.
Dunning (Opera omnia
10), London 2001,
S. 144.
<5>
Vgl.
Chr. Henzel, „Das
Konzertleben der
preußischen
Hauptstadt
1740–1786 im Spiegel
der Berliner Presse“,
Tl. 1, in: Jahrbuch des
Staatlichen Instituts für
Musikforschung PK
2004 (i. Dr.).
<6>
Laut einer Mitteilung
Franz Bendas an
Johann Gottlieb
Naumann; vgl. August
Gottlieb Meißner,
Bruchstücke zur
Biographie J. G.
Naumanns (Sämtliche
Werke 30), Wien 1814,
S. 208, Fn.
<7>
Die
Datierung des
Drucks beruht auf der
Angabe bei Johann
Gottfried Walther,
Musicalisches Lexicon
oder Musicalische
Bibliothek, Leipzig
1732, S. 290. Von dem
Druck liegt ein
Facsimile vor in:
Corelli and His
Contemporaries.
Continuo Sonatas for
Violin, Bd. 1,
hg. v. J. Adas, New
York/London 1991.
<8>
Vgl.
Chr. Henzel,
GraunWV. Thematisch-
systematisches
Verzeichnis der Werke
der Brüder Johann
Gottlieb und Carl
Heinrich Graun,
Beeskow 2005 (i. Dr.).
<9>
Vgl.
Manfred Fechner,
Studien zur Dresdner
Überlieferung von
Instrumentalkonzerten
deutscher
Komponisten des 18.
Jahrhunderts. Die
Dresdner Konzert-
Manuskripte von
Georg Philipp
Telemann, Johann
David Heinichen,
Johann Georg
Pisendel, Johann
Friedrich Fasch,
Gottfried Heinrich
Stölzel, Johann
Joachim Quantz und
Johann Gottlieb Graun:
Untersuchungen an
den Quellen und
thematischer Katalog
(Dresdner Studien zur
Musikwissenschaft 2),
Laaber 1999.
<10>
Vgl.
Johann Adolf
Scheibe, Critischer
Musikus. Neue
vermehrte und
verbesserte Auflage,
Leipzig 1745 (Reprint
Hildesheim u.
Wiesbaden 1970),
S. 681f.
<11>
Ebd.,
S. 683.
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Vorwort
zur Partitur
Von Christoph Henzel
Johann Gottlieb Graun, 1701 oder 1702 im seinerzeit sächsischen
Wahrenbrück geboren, besuchte gemeinsam mit seinem jüngeren
Bruder Carl Heinrich Graun (1703/04-1759) die Kreuzschule in Dresden.
Im Unterschied zu diesem, der ein begabter Sänger war und später
in seinen Anstellungen in Braunschweig und Berlin ein berühmter
Opernkomponist wurde, schlug Johann Gottlieb Graun — offenbar
zielgerichtet — die Laufbahn eines Violinvirtuosen und Konzertmeisters
ein. Das Rüstzeug dafür vermittelte ihm Johann Georg Pisendel
(1687-1755), der Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle. Zwischen
1721 und 1723 studierte Graun auch für einige Monate bei Giuseppe
Tartini (1692-1770) in Padua. <1>
Ab 1726 war er als Konzertdirektor am Hof des Herzogs Moritz Wilhelm
in Merseburg tätig. <2> Da er
sowohl als Komponist als auch wegen des ihm eigenen affektvollen Vortragsstils
weithin geschätzt wurde, schickte Johann Sebastian Bach (1685-1750)
seinen ältesten Sohn Wilhelm Friedemann 1726 bis 1727 zu ihm in
die Lehre. <3> 1731 wechselte Graun
nach Arolsen an den Hof Carl August Friedrichs Fürst zu Waldeck.
Bereits ein Jahr später wurde er Mitglied der Kapelle des preußischen
Kronprinzen Friedrich in Ruppin. Möglicherweise war er dem Thronfolger
schon 1728 begegnet, als Graun zusammen mit Pietro Locatelli am Berliner
Hof musiziert hatte. <4>
Die Kapelle des Kronprinzen vergrößerte sich im Lauf der
Jahre: 1733 wurde Franz Benda (1709-1786) angestellt (er nahm Unterricht
bei Graun), ein Jahr später kamen Johann Benda (1713-1752) und
Christoph Schaffrath (1709-1763) hinzu und 1735 auch Carl Heinrich Graun.
Als Friedrich 1736 das Schloss in Rheinsberg bezog, gehörten 17
Musiker zu seinem Hofstaat. Nach seinem Regierungsantritt 1740 wurde
die Kapelle auf mehr als 40 Instrumentalisten aufgestockt und Johann
Gottlieb Graun als Konzertmeister zu ihrem Leiter ernannt. Zu Grauns
Dienstpflichten gehörte die Sorge für den Orchesternachwuchs
und die Leitung der Hofkonzerte bei der Mutter des Königs, der
verwitweten Königin Sophia Dorothea, sowie bei der regierenden
Königin Elisabeth Christine, gelegentlich auch bei einem der Brüder
des Königs. <5> Das legendäre
Abendkonzert des Königs hingegen fiel in die Zuständigkeit
von Johann Joachim Quantz. Nach dem Siebenjährigen Krieg zog sich
Graun aus gesundheitlichen Gründen aus dem aktiven Dienst zurück.
<6> Hoch angesehen starb er am 7.
Oktober 1771 in Berlin.
Das umfangreiche kompositorische Schaffen Johann Gottlieb Grauns besteht
(im Unterschied zu demjenigen seines jüngeren Bruders) ganz überwiegend
aus Instrumentalwerken. Es verwundert kaum, dass sich darunter neben
vielen Sinfonien, Trios und Bläserkonzerten eine große Zahl
von Konzerten und Solosonaten für die Violine befindet. Die idiomatische
und teilweise recht virtuose Schreibart dieser Werke legt die Annahme
nahe, dass er sie vornehmlich für sich selbst komponiert hat. Bereits
die sechs in Merseburg 1726/27 gestochenen Sonaten können als eine
Art Visitenkarte des ehrgeizigen Konzertdirektors betrachtet werden.
<7> Neben den gedruckten Soli liegen
weitere 55 Kompositionen in Abschriften vor. <8>
Acht davon sind nur durch Katalogeinträge bekannt; die Aufzeichnungen
selbst sind verschollen. Zwei weitere Werke sind als Incerta zu betrachten,
da sie zusätzlich unter dem Autorennamen (Franz?) „Benda“
überliefert sind. Auch bei der Mehrheit der übrigen 45 abschriftlich
überlieferten Soli kann die Zuschreibung an Johann Gottlieb Graun
nicht als völlig gesichert gelten, denn teilweise stammen die Handschriften
von Kopisten, die in keiner engeren Beziehung zum Komponisten gestanden
haben. Häufig wird als Autor nur „Graun“ angegeben.
Letzteres betrifft auch einen Großteil der in Dresden über
Johann Georg Pisendel vermittelten Kompositionen. Dennoch darf angenommen
werden, dass die Violinsoli mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließlich
aus der Feder des Konzertmeisters Graun stammen.
Ebenso
diffizil wie die Frage der Autorschaft ist die nach der Datierung der
Soli. Anhaltspunkte für die Entstehungszeit der Dresdner Abschriften
liefern die Schreiber- und Papieruntersuchungen Manfred Fechners. <9>
Ihnen zufolge können von den hier vorgelegten Sonaten — vorausgesetzt,
die Abschriften entstanden in zeitlicher Nähe zu ihrer Niederschrift
— die Werke in D-Dur (GraunWV A: XVII: 2), Es-Dur (C:XVII:64),
G-Dur (C:XVII:70, C:XVII: 69) und g-Moll (C:XVII:71) auf die Zeit um
1730 datiert werden. Das bedeutet, dass sie in Merseburg, vielleicht
auch in Arolsen komponiert wurden. Die Soli in d-Moll (C:XVII:61) und
Es-Dur (C:XVII:65) dagegen dürften später entstanden sein.
Die Dresdner Kopien sind nach 1735 und vor etwa 1750 entstanden. Wahrscheinlich
handelt es sich dabei also um „preußische“ Werke Grauns.
Einzig nicht näher datierbar ist die Sonate in a-Moll (C:XVII:73).
Anders
als bei den gedruckten Sonaten ist der stilistische Bezug der acht Soli
zur Tradition der Sonata da chiesa nur schwach ausgeprägt. Lediglich
zwei Kompositionen bestehen aus je zwei Paaren kontrastierender Sätze
in der Abfolge langsam – schnell (A:XVII:2 und C:XVII:64). Die
übrigen Werke sind dreisätzig (langsam – schnell –
schnell). Sie entsprechen weitgehend der von Johann Adolf Scheibe (1708-1776)
angegebenen modernen Charakteristik der Gattung<10>
— mit Ausnahme von dessen Beschreibung der Finalsätze
als menuettartig bzw. „Menuet mit Variationen“. Ersteres
trifft nur auf die Hälfte der sechs Werke zu (C: XVII: 61, C:XVII:71
und C:XVII:70). Ansonsten liegen hier geradtaktige Schlußsätze
vor (C:XVII:65 und C: XVII: 69), darunter ein Allegro scherzando (C:
XVII: 73). Im Ganzen fällt die Vielfalt der Charaktere auch bei
den übrigen Sätzen auf. Dabei ist die Neigung Grauns unverkennbar,
anstelle der traditionellen langsamen Tempi bewegtere Zeitmaße
zu wählen. Dem entspricht die Tendenz zu kleingliedriger, fließender
Oberstimmenmelodik. Dies trifft ganz mit Scheibes Kennzeichnung der
langsamen Sätze durch ihre „reine und bündige Melodie“,
welche „zugleich leicht und fließend“ sei, zusammen
— wobei Scheibe hier die Geschicklichkeit des Spielers in der
Verzierung herausgefordert sah. Bedeutsam bleibt in Grauns Kompositionen
der Generalbass, welcher für harmonische Vielfalt und motivischen
Zusammenhang, vor allem durch Imitationen, sorgt. Die Vereinigung von
Virtuosität und Kantabilität, expressiver Melodik und Kontrapunkt
in den Violinsoli Johann Gottlieb Grauns veranlasste Scheibe am Ende
seiner Ausführungen zu der Empfehlung, sie „zu Mustern [zu]
erwählen, und sich [zu] bemühen, ihnen nachzuahmen.“
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