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Vorwort von Ortrun Landmann Nach Johann David Heinichen (amtierend von 1717 bis zu seinem Tod 1729) und Johann Adolf Hasse (1731/1734 bis 1764) war Johann Gottlieb Naumann der dritte unter den großen Dresdener Hofkapellmeistern des 18. Jahrhunderts. In der schwierigen Zeit nach dem für Sachsen verheerenden Siebenjährigen Krieg und zugleich in einer Zeit der stilistischen Neuorientierung hat Naumann Entscheidendes geleistet, um der Dresdener höfischen Musikpflege jenen hohen Rang erneut zu sichern, den sie damals schon seit mehr als zwei Jahrhunderten behauptete. Johann Gottlieb Naumann wurde am 17. April 1741 im östlich von Dresden gelegenen Fischerdorf Blasewitz als Kind eines Häuslerpaares geboren. Er besuchte auf der gegenüberliegenden Elbseite die Dorfschule in Loschwitz und soll dort bereits beim Gottesdienst die Orgel gespielt haben. Seinen Eltern, die ihn ein Handwerk erlernen lassen wollten, trotzte er den Besuch einer Dresdener Lateinschule ab, wo ihm die Tradition der evangelischen Kirchenmusik gründlich vermittelt worden sein wird. Ein selbsternannter "Gönner" erbot sich 1756, den Jungen nach Italien mitzunehmen und dort ausbilden zu lassen. Diesem Abenteurer konnte sich der Knabe entziehen und in Padua Schüler des berühmten Giuseppe Tartini werden. Anschließend erlangte er noch in Bologna den Unterricht des Padre Giovanni Battista Martini sowie in Venedig denjenigen Johann Adolf Hasses. Als Naumann über sieben Jahre später, mit Empfehlungsschreiben seiner Lehrer versehen, in die Heimat zurückkehrte, waren der Siebenjährige Krieg überstanden, König August III. von Polen und auch sein Sohn, Kurfürst Friedrich Christian von Sachsen, begraben und der Oberkapellmeister Hasse infolge der allgemeinen großen Notlage verabschiedet worden. Ohne angemessene Musikpflege konnte und wollte der Dresdener Hof aber nicht sein. Der junge, vielversprechende Naumann erhielt 1764 für ein kleines Gehalt das Amt eines "Kirchen-Compositeurs" (erster Inhaber dieser Position ist Jan Dismas Zelenka gewesen) und hatte somit, neben Johann Georg Schürer, die katholischen Hofkirchenmusiken zu leiten und für sie zu komponieren. Schon 1769 debütierte er in Dresden auch mit einer italienischen Oper, einem Auftragswerk zur Hochzeit des jungen Kurfürsten Friedrich August III., seines lebenslangen Dienstherren (später als König: Friedrich August I. von Sachsen). Zwei weitere Italien-Aufenthalte (1765-1767 und 1771-1774) bewilligte ihm der Hof - nun weniger des Lernens als des (wohlbezahlten) Produzierens halber, denn Naumann bekam Aufträge zur Opernkomposition von Venedig bis Palermo. Durch Vermittlung des schwedischen Gesandten am Dresdener Hof wurde Naumann durch König Gustav III. 1777-1778 und erneut 1782-1783 nach Stockholm gerufen, um dort eine Hofkapelle nach Dresdener Vorbild aufzubauen und mit ihr eigene Werke aufzuführen. Unter diesen ragten die Opern "Amphion", "Cora och Alonzo" und "Gustaf Vasa" hervor, deren letztere zur schwedischen Nationaloper avancierte. Für Naumann selbst wurden die Schweden-Aufenthalte besonders wichtig durch die Begegnung mit den neuen französischen Opernströmungen, repräsentiert durch Pierre-Alexandre Monsigny, Christoph Willibald Gluck, Nicola Piccini und André-Ernest-Modeste Grétry. Naumann empfing daraus Anregungen für sein eigenes weiteres Schaffen. Auch aus Kopenhagen erreichten Naumann Angebote. Hier, wo man ihn gern fest angestellt hätte, reorganisierte er 1785-1786 ebenfalls das Orchester und brachte unter anderem seine Oper "Orpheus og Eurydike" zur Aufführung. Seit 1776 in Dresden Hofkapellmeister, ab 1786 leitender Hofkapellmeister mit günstigsten Bedingungen, widerstand Naumann allen Abwerbeversuchen, auch von Seiten des preußischen Hofes. Sein letztes Werk war die 1801 entstandene frühromantischen Oper "Aci e Galatea". Er starb am 23. Oktober 1801.
Naumann
hinterließ ein vielseitiges Lebenswerk. Hervorzuheben sind seine
italienischen Opern für Italien, Dresden und Berlin, nicht minder
die Bühnenwerke auf schwedische und dänische Texte für
Stockholm und Kopenhagen. Hinzu kommen sein umfangreiches Schaffen für
die Dresdener Katholische Hofkirche, bedeutende Liedschöpfungen
und anderes mehr. Einen Höhepunkt seines Schaffens bildet die große
Kantate Vater unser für Soli, zwei Chöre und Orchester auf
einen Text von Klopstock (1798). Sie hielt sich über viele Jahrzehnte
im Repertoire großer Chorvereinigungen des In- und Auslands. Die
Kantate, die Naumann ohne Auftrag schrieb, bildet eine Art ideellen
Höhe- und Schlußpunkt seiner für einen norddeutschen
Hof geschaffenen Werke. Auf
seiner ersten Reise nach Schweden hatte Naumann, mehr zufällig,
in der Mecklenburg-Schweriner Residenz Ludwigslust Station gemacht.
Hier lernte er eine Art von Musikpflege kennen, zu der es damals am
Dresdener Hof keine Parallele gab, nämlich die vom Herzog Friedrich
dem Frommen begründeten, mit kleinbesetzter Hofkapelle veranstalteten
Concerts spirituels. Diese widmeten sich dem Bereich der evangelisch-lutherisch
geprägten Erbauungsmusik. Naumann wurde eingeladen, dazu Beiträge
zu liefern. Die fünf Werke (zwei Psalm-Vertonungen und drei Kantaten),
die er zwischen 1778 und 1794 für Ludwigslust schuf, dürften
insgesamt zum Besten zählen, was an Auftragswerken für den
Ludwigsluster Hof komponiert worden ist.
Die
Edition eines Hauptwerkes wie "Zeit und Ewigkeit" gibt die
Gelegenheit, einen Komponisten zu entdecken, dessen Wirkungsfeld sich
von Italien bis Skandinavien erstreckte, der heute aber kaum noch dem
Kenner vertraut ist. Will man erfahren, was in Dresden in der Spätzeit
Hasses, was in Norddeutschland während des erwachenden Interesses
für Mozart kompositorisch möglich war, muß auch der
Name Naumanns genannt werden. In der Komposition von "Zeit und
Ewigkeit" ist zu erleben, wie ein neuer, liedhafter Ton sich ohne
Verzicht auf die Virtuosität des Sängers mit einer bis dahin
unerhörten Behandlung des Instrumentariums in den Dienst einer
Dichtung stellt, die den Weg von der Vergänglichkeitsfurcht zur
Erlösungshoffnung schildert. |
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